ZINNENPANORAMA | Panorama aus 49 Einzelfotos in zwei Reihen. Sony A7s + Samyang 14mm f2.8: ISO 8.000, 20s, f2.8

Matt hatte uns vor einiger Zeit mal angeschrieben und wir waren auf Anhieb von seinen Fotografien des Sternenhimmels und der Milchstraße beeindruckt. Matt Aust hat mit seiner Leidenschaft als Astrofotograf eine ganz eigene Niche für sich erschlossen. Wir haben ihn für dich als Inspiration interviewt:

1. Lieber Matt, du hast ja eine ganz besondere Nische als Fotograf gewählt, wie bist du auf Astrofotografie gekommen?

Vor ein paar Jahren, ich glaube es war 2013, bin ich mit einem Freund auf einen Berg in den französischen Alpen gewandert um eine dort befindliche Radioteleskopstation zu sehen. Auf dem Plateau de Bure befinden sich mehrere solcher “Satellitenschüsseln” die in den Weltraum gerichtet sind. Wir fanden das damals einfach nur cool und wollten dort übernachten, es uns mal anschauen und ein paar Fotos machen. Den Weltraum und Raumfahrt allgemein fand ich da schon länger faszinierend, aber ich kannte nicht mehr Sternbilder als der Durchschnittsmensch und habe mich nicht wirklich damit auseinandergesetzt. Es war eher einfach ein grundsätzliches Interesse. Ich habe zu der Zeit auch irgendwann angefangen atmosphärische Gitarrenmusik zu machen und diese Klänge habe ich auch irgendwie mit Weltraum und Schwerelosigkeit und solchen Dingen verbunden.
Aber zurück zum Fotografieren – zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass man die Milchstraße gezielt fotografieren kann, oder wo und wann man sie überhaupt sieht, weil ich mich damit nie beschäftigt hatte. Auf einem der Fotos die ich dort oben aufgenommen habe, war dann wirklich rein zufällig die Milchstraße zu sehen und das war der Schlüsselmoment. Wenn auch zufällig, war es mein erstes Milchstraßenfoto und ich war total aus dem Häuschen. Von da an begann sich langsam alles immer mehr in Richtung Astrofotografie zu entwickeln. Im Jahr darauf haben wir noch einmal diesen Berg bestiegen, diesmal schon mit etwas besserer Fotoausrüstung für die Nacht. Es war mir dann sehr bald zu wenig, nur einmal im Jahr in irgend einem Urlaub nachts ein paar Fotos machen zu können und ich fing an, gezielt Fotoausflüge zu machen mit dem einzigen Inhalt, nachts zu fotografieren. Bei meiner damaligen Arbeit begann ich, meinen Urlaub nach der Mondphase zu nehmen, sodass ich definitiv in der freien Zeit fotografieren konnte. Ich kaufte mir nach und nach immer besseres Equipment und verkaufte teilweise sogar Objektive die ich für Aufträge gebraucht hätte, nur um ein für die Nacht besser geeignetes Objektiv zu kaufen. Ich fing an mich mehr mit Astronomie, Sternbildern und der Orientierung am Himmel zu beschäftigen.

Mit der Zeit wurde ich jedenfalls immer fanatischer und versuchte einmal im Monat um die Neumondphase einen mehrtägigen Fotoausflug zu machen. Ich fing sehr bald an, alleine loszuziehen weil ich keine Lust mehr hatte zu warten, ob jemand Zeit hatte mitzukommen. Ich wollte es eben einfach so sehr 😀  Ich kaufte mir eine bessere Kamera für die Nacht, ließ diese für die Astrofotografie umbauen, kaufte mir nach und nach Ausrüstung zum wandern und um im Freien zu übernachten usw. Das farbenfrohe Zentrum der Milchstraße sieht man in unseren Breitengraden nur in den Sommermonaten. Wenn diese vorbei sind, bleibt ein Großteil der Fotografen dann einfach zu Hause, bis das Zentrum ab Ende April wieder zu sehen ist. Die Milchstraße ist im Winter auch zu sehen, aber viele finden sie wohl in dem Zustand nicht sehenswert genug. Ich hab das natürlich nicht ausgehalten so lange nicht zu fotografieren und raus in die Natur zu kommen und bin auch im Winter losgezogen. So bekam ich mit der Wintermilchstraße einige meiner besten Bilder. Es ist einfach immer wunderschön alleine draußen in der Natur zu sein, es gibt nichts vergleichbares. Ich kann Energie tanken und zehre die restliche Zeit von diesen Momenten. Es hilft den Alltag und wahrscheinlich sogar das Leben zu bewältigen. Irgendwann stand es völlig außer Frage ob ich zur nächsten Neumondphase fotografieren gehen. Wohin und ob das Wetter passt, waren dann die einzigen Fragen. Einige Leute fingen an meine Arbeit zu mögen, was natürlich ein zusätzlicher toller Ansporn war und ist.

Mittlerweile beschäftige ich mich täglich mit Astrofotografie und Astronomie, habe angefangen einen eigenen Filter gegen Lichtverschmutzung zu verkaufen, und will nächstes Jahr anfangen Workshops zu geben um mein Wissen zu vermitteln. Alleine wäre ich nie darauf gekommen, aber ich werde häufig z.B. nach meinem Vorgehen in der Bildbearbeitung gefragt. Es hat eine ganze Weile gedauert bis ich gemerkt habe, dass da tatsächlich Interesse dran besteht, denn mir war nie bewusst, dass ich etwas großartig anders mache als jeder andere. Die Astrofografie und das damit verbundene draußen-in-der-Natur-sein ist zu einem wichtigen Teil meines Lebens geworden.


PRAGSER WILDSEE I | Horizontales Panorama aus 17+17 Fotos mit unterschiedlicher Belichtung. Sony A7s + Zeiss Batis 25mm f2: ISO 8.000, f2.0, 13s (Himmel) + 30s (Landschaft)

2. Wenn du einen Tipp hast für Fotografen, die auch gerne mal die Galaxien ablichten wollen, welcher wäre das?

Naja was heißt Galaxien, mit einer Kamera mit Weitwinkelobjektiv lichtet man größtenteils eine Galaxie ab und das ist unsere Milchstraße. Ich kann jedem nur ans Herz legen in die Alpen zu fahren oder ans Meer mit Blick Richtung Süden (abhängig von der Jahreszeit natürlich). An dunkleren Orten bekommt man so viel besseres Ausgangsmaterial, dass sich die Fahrt immer lohnt. Ansonsten sollte man vorher auf eine Karte gegen Lichtverschmutzung schauen (z.B. http://darksitefinder.com/maps/world.html) und schauen wo in der Nähe es möglichst dunkel ist. Dennoch ruiniert die Lichtverschmutzung auch in vielen Kilometern Entfernung von Städten noch die Fotos. Also wenn man die Möglichkeit hat und in oder in der Nähe von Deutschland bleiben möchte – ab in die Alpen.

Ach und man sagt ja immer “nicht die Kamera macht das Foto, sondern der Fotograf” und man kann auch mit Einsteigerkameras tolle Fotos machen usw. Bei der Astrofotografie zeigt sich da leider gnadenlos, dass eine höherwertige Ausrüstung sehr wohl bessere Ergebnisse bringt, vorausgesetzt man kann damit umgehen. Im Idealfall hat man eine Vollformatkamera und ein möglichst lichtstarkes Objektiv mit einer Anfangsblende von mindestens f2.8, wobei noch geringer wünschenswert wäre. Zum Vergleich – ich habe jetzt nur noch Objektive die bei f2.0 und f1.4 beginnen. Ansonsten – vorher ein bisschen informieren wo man die Milchstraße findet und dann einfach ausprobieren, jeder hat mal angefangen.

KEHLSTEIN ZELT | Einreihiges Panorama aus 8 Fotos. Sony A7s + Sigma ART 35mm f1.4: ISO 8.000, 10s, f2.0

3. Was musst du beachten, damit diese wundervollen Bilder entstehen können, bzw. gibt es einen Lieblingsort/Lieblingsorte wo du fotografierst?

Wenn man die Milchstraße deutlich auf dem Foto haben möchte, sollte am besten kein Mond zu sehen sein. Also gehe ich immer nur in Nächten kurz vor und nach Neumond los. Da ist der Mond schon untergegangen bevor es dunkel wird bzw. geht eben erst in der Früh auf. Wie gesagt, ich gehe gerne in die Berge, möglichst weit weg von Städten die für Lichtverschmutzung sorgen und damit das Fotografieren erschweren. Und eben eine geeignete Ausrüstung. Und je nach Jahreszeit achte ich natürlich darauf, dass ich die entsprechende Ausrüstung zum Übernachten im Freien mitnehme. Im Winter bei -20°C wäre es lebensgefährlich mit einem Sommerschlafsack loszuziehen. Ich beginne schon lange vor einem Ausflug täglich mehrmals nach dem Wetter zu schauen und gehe nur los, wenn weder Wolken, Unwetter oder Sturm zu erwarten sind. Ansonsten weiche ich auf eine Location aus, wo das Wetter passt. Allgemein ist ein gewisser “Astro-Fanatismus” natürlich von Vorteil. Wenn ich mit einem zwei Jahre alten Bild nicht mehr zufrieden bin, ärgert mich das, vor allem wenn die Location eigentlich viel hergibt. Dann muss man eben nochmal tausend Kilometer nach Italien fahren und es nochmal machen 😀

Tja und die Nachbearbeitung macht ungefähr 60% oder sogar mehr der ganzen Arbeit aus. So wie die Fotos von der Kamera kommen, sind sie noch nicht toll. Viele Stunden Nachbearbeitung fließen oft in nur ein einzelnes Foto.

KAP FORMENTOR | Panorama aus 30 Einzelfotos. Sony A7s + Zeiss 18mm f2.8 + Marumi Redhancer Filter: ISO 8.000, 20s, f2.8

4. Wie schaffst du es, dass deine Bilder so farbenfroh aussehen, obwohl es dunkelste Nacht ist?

Viele Leute denken immer, dass die Nacht einfach schwarz ist. Für die Augen stimmt das ja, aber fotografisch gesehen ist die Nacht oft viel farbenfroher als der Tag. Durch den Umbau meiner Kamera werden astronomische Nebel, diese “roten Flecken” in meinen Fotos, zu 400% intensiver erfasst als mit einer normalen Kamera. Auch die Empfindlichkeit im Infrarotbereich ist erhöht. Dadurch hilft also schon mal meine Kamera, eine Sony A7s die grundsätzlich die erste Wahl für Fotos bei Nacht ist. Ein lichtstarkes Objektiv hilft möglichst viel Licht einzufangen, sodass auch viele Farben mit auf dem Sensor ankommen. Eine gründliche Nachbearbeitung holt aus den Rohdaten dann möglichst viel raus. Erst da kommen die Farben richtig zum Vorschein. Eine ausführliche und vor allem gute Nachbearbeitung ist in der Astrofotografie essentiell, es geht nicht ohne. Die Nacht hat so viele wunderschöne Farben, wenn man alles richtig macht, kann man sie ihr entlocken.

Danke lieber Matt, für diesen wundervollen Einblick in dein Leben und deine Leidenschaft. Wir sind ein absoluter Fan von deiner Kunst.
Wer mehr erfahren möchte über ihn, seine Bilder und wo es sie auch zu kaufen gibt für dein zu Hause, schaut auf seiner Website vorbei: http://star-trails.de

STERNENKAPELLE | Foto mit Nachführung. Canon 6D + Sigma ART 24-35 f2: ISO 1.250, 122s, f2.8, 24mm.

KOCHELSEE | Einreihiges Panorama aus 5 Fotos. Sony A7s + Sigma ART 24-35 f2: ISO 8.000, 13s, f2.2, 24mm.

PIRCHKOGEL | Panorama aus 63 Einzelfotos in 3 Reihen. Sony A7s + Zeiss 18mm f2.8 + Marumi Redhancer Filter: ISO 8.000, 20s, f2.8